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Bilder begreifen lernen

In Zusammenarbeit mit Dr. Rüdiger Leidner
„Auch Hände können sehen“ Bilder begreifen lernen
Zum besseren Verständnis meiner Art der Kunstvermittlung

1. Mein persönlicher Erfahrungshorizont

Die Welt ist bekanntlich mindestens dreidimensional. Trotzdem sind zweidimensionale Abbildungen im täglichen Leben unverzichtbar. Bestes Beispiel sind Stadtpläne und Landkarten.
Dass das Zurechtfinden in der dreidimensionalen Umgebung an Hand eines zweidimensionalen Plans schwierig sein kann, hat schon mancher gemerkt, wenn er zunächst einmal seine persönliche Ausrichtung mit den auf dem Plan angegebenen Himmelsrichtungen koordinieren musste, bevor er entscheiden konnte, ob es nun geradeaus, rechts, links oder rückwärts weitergeht.
Für einen Ingenieur wie mich war die Umsetzung von zweidimensionalem Planen in dreidimensionales Gestalten Teil des Broterwerbs. Denn allein schon aus Zeit- und Kostengründen werden zunächst Bleistift und Papier bemüht, bevor das Konstrukt feste Gestalt annimmt.
Aber diese Trennung  zwischen der zweidimensionalen und der dreidimensionalen Welt erfordert, wie das Beispiel mit der räumlichen Orientierung an Hand eines Stadtplans gezeigt hat, eine intellektuelle Transferleistung voraus, die bei technischen Zeichnungen natürlich ungleich größer ist.
Es ist auch eine weitgehend künstliche Trennung, die der Kosten- und Zeitersparnis geschuldet ist. Denn in anderen Bereichen unseres täglichen Lebens wissen wir sehr wohl, dass das „Abtasten mit den Augen“ nicht reicht, sondern erst das „Begreifen“ zu einem vollständigen Eindruck führt. Ich denke beispielsweise an den Kauf von Textilien. Man/frau will nicht nur vor dem Spiegel sehen, sondern auch spüren, wie es sich trägt. Aber auch das Anfassen des Stoffs mit den Fingern zuvor, ist durchaus weit verbreitet. In diesem Fall geht die Mehrdimensionalität der Welt mit der Vielseitigkeit unserer sinnlichen Wahrnehmung eben wirklich „Hand in Hand“.

2. Mehrdimensionale Wahrnehmung von Kunst

Diese Basiserfahrungen brachten mich dazu, als ich mein Leben der Kunst zu widmen begann, zu versuchen, die Trennung von zweidimensionalem Planen und mehrdimensionaler Wahrnehmung möglichst von Anfang an zu vermeiden.
In vielen Kunstbereichen ist das immanenter Teil der Kunst. Ich denke nicht nur an Skulpturen und Reliefdarstellungen, sondern durchaus auch an Musik. In die Oper geht man auch nicht nur wegen der musikalischen Darbietung, sondern auch wegen der Inszenierung. Und auch bei vielen Pop-Konzerten ist für viele Besucher die Show genauso interessant wie die Musik.
Warum sollte es mir, der im Beruf die dreidimensionale Darstellung immer nur als Abfolge einer zweidimensionalen Zeichnung erleben konnte, es nicht möglich sein, Gemälde von Anfang an dreidimensional zu gestalten und damit allen Betrachtern die Möglichkeit zu geben, sie mit mehr als nur dem einen Sinn, der bei Bildern zum Einsatz kommen kann, wahrzunehmen?
Der Rest war dann zunächst einmal eine Frage von Material und Technik – auf die ich hier nicht weiter eingehen will – und dann natürlich von Kreativität.
Wer sich meine Bilder zweidimensional ansehen möchte, kann das auf www.mueller-artroom.com tun, wer mehr wahrnehmen will, muss in eine meiner Ausstellungen kommen. Denn die Art von „Touch-Screen“, die für meine Bilder gebraucht würden, gibt es jedoch nicht.

 

3.   Neuland: Nur mit den Händen!

Bei der ersten Ausstellung meiner Bilder in den USA, wo ich während der Wintermonate lebe, dachte ich nicht an bestimmte Zielgruppen, sondern war – wie jeder Künstler – auf die Reaktion der Besucher gespannt.
Eine völlig neue Perspektive erhielt mein Schaffen, als mir bewusst wurde,  dass meine Art der Gestaltung von Gemälden für Menschen mit Seheinschränkungen besonders interessant sein könnte.
Das war für mich völliges Neuland, aber ich griff diesen Gedanken auf, ohne zu ahnen, dass sich für mich eine völlig neue Erfahrungswelt öffnen würde.
Die ersten Kontakte mit den örtlichen Blindenorganisationen im Frühjahr 2010, die gern Besuche mit sehbehinderten und blinden Menschen organisierten, bestätigten, dass blinde Menschen nicht nur an Musik und Skulpturen Interesse haben, sondern auch an Malerei, wenn sie ihnen zugänglich ist. „Bitte anfassen zum Erfassen“.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von den Konferenzen „Kunst für Alle“, die 2006 in Österreich und 2007 in Deutschland stattgefunden hatten. Das alles und noch viel mehr erfuhr ich erst durch die Zusammenarbeit mit Rüdiger Leidner, den ich bei meinem Deutschlandaufenthalt im Sommer 2010 kennen lernte.
Inzwischen haben viele Blinde und Sehbehinderte meine Aus-stellungen besucht. Mir ist klar geworden, dass ich, wenn ich meine Kunst wirklich „für alle“ öffnen will,  bei Besuchern mit Seheinschränkungen nichts an meinem Kunstschaffen ändern muss, wohl aber an der Art der Kunstvermittlung. Denn wer „mit den Händen sieht“ nimmt nicht nur anders und Anderes wahr, sondern geht dabei auch anders vor.
Aus diesen Erfahrungen ist ein Konzept der Kunstvermittlung mit Blick auf Besucher mit Seheinschränkungen entstanden, dessen Grundelemente ich hier darlege, die sich jedoch ständig weiterentwickeln.

 

4.  Grundelemente eines Konzepts der Kunstvermittlung für Besucher mit Seheinschränkungen

4.1 Wie kommt der Blinde zur Kunst?

Diese provozierend gestellte Frage meine ich durchaus ernst und sehr wörtlich! Denn bevor sich jemand ein Gemälde ansehen kann, muss er erst einmal hinkommen. Der Weg in die Ausstellung kann für Besucher mit Seheinschränkungen bereits das erste Hindernis sein. Die Empfehlungen des Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-verbandes über die Zugänglichkeit von Museen und Ausstellungen (www.tourismus.dbsv.org) empfehlen daher auch die Einrichtung taktiler Leitsysteme zum Ausstellungsort und auch auf dem Gelände der Ausstellung.

Von diesen Dingen bin ich bei meinen Ausstellungen leider immer noch sehr weit entfernt, möchte hier aber betonen, dass dieser Gesichtspunkt unverzichtbarer Teil eines in sich geschlossenen Gesamtkonzepts sein muss.

4.2 Das Gemälde begreifen

Auch wenn meine Gemälde neben der farblichen Gestaltung eine sehr deutliche taktile Struktur aufweisen, ist der Zugang zu einer flächenhaften Darstellung mit den Händen zweifelsohne schwieriger. Denn während das Auge ein Objekt auf verschiedene Art und Weise fokussieren kann, in der Gesamtschau wie in der Detailbetrachtung, nehmen die Hände zunächst einmal immer nur Ausschnitte wahr, die dann sequentiell zum Gesamtbild zusammengesetzt werden müssen.
Obwohl ich den Besuchern meiner Ausstellung normalerweise keine interpretatorischen Erläuterungen gebe, sondern ihnen die Interpretation selbst überlasse, ist nach meinen Erfahrungen bei Besuchern mit Seheinschränkung – je nach Grad der Seheinschränkung – erläuternde Hilfestellung sinnvoll bzw. vielfach sogar erwünscht.
Die Erläuterungen dienen aus meiner Sicht in diesen Fällen aber nicht der Interpretation, sondern der Orientierung in der Fläche.
Nach meinen immer noch recht kurzen Erfahrungen empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

  • Die Hände sollten zu Beginn an der linken und rechten Ecke des Bildes (oben oder unten) positioniert werden. Dadurch entsteht sofort ein Eindruck von den äußeren Abmessungen, die bei größeren Bildern natürlich verbal erläutert werden müssen.
  • Dann sollte zunächst die Farbkomposition in ihren Grundzügen erläutert werden. Die Ausführlichkeit dieses Punktes hängt wesentlich vom Interesse des Besuchers und dem Grad der Seheinschränkung ab.
  • Das „Begreifen“ der taktilen Struktur beginnt von den zu Beginn gewählten Ausgangspunkten aus, je nach Gewohnheit des Besuchers entweder mit beiden Händen gleichzeitig oder auch nur mit einer Hand, während die andere eine Ankerfunktion als festen Orientierungspunkt übernimmt.

Während der sehende Besucher beim „Abtasten mit den Augen“ durchaus zwischen verschiedenen Strukturelementen hin- und herspringen kann, da er sich jederzeit wieder den orientierenden Gesamtüberblick verschaffen kann, muss bei der ersten Erkundung eines Gemäldes mit den Händen streng sequentiell vorgegangen werden, damit die einzelnen Bereiche auch zu einem Gesamtbild zusammengeführt werden können. Das punktuelle Hinweisen auf einzelne, über die Fläche verteilten charakteristischen Elemente eines Bildes kann beim ersten Abtasten mit den Händen leicht zur Desorientierung führen.
Ist die erste Erkundung mit der Grundorientierung abgeschlossen, kann – sofern nicht Fragen bestehen – mit der „Detailbetrachtung“ einzelner für das Gemälde charakteristischer Strukturelemente begonnen werden.
Nach meinen Beobachtungen kosten diese Erläuterungen zwar mehr Zeit im Vergleich zum Besucher ohne Seheinschränkungen, machen es aber nicht notwendig, bestimmte Öffnungszeiten nur für Besucher mit Seheinschränkungen zu reservieren. Vielmehr ermöglichen und erleichtern diese Erläuterungen auch anderen, an Kunstbetrachtung wirklich interessierten,  Besuchern eine intensivere Betrachtung.

5.  Ausblick: Kreativität der Besucher freisetzen

Erneut betrat ich Neuland, als ich in diesem Jahr plötzlich gefragt wurde, ob ich auf dem ersten Kongress von Bezgraniz1
in Moskau nicht nur meine Bilder ausstellen wollte, sondern mit behinderten Besuchern auch Workshops zum eigenen Gestalten mit meinen Materialien durchführen wollte.
Während bei Teilnehmern mit Bewegungsbeeinträchtigungen wohl in erster Linie darauf zu achten ist, dass die Arbeitsfläche und die Materialien gut zugänglich sind, sind bei Teilnehmern mit Seheinschränkungen nach meinen ersten Beobachtungen einige zusätzliche Aspekte zu berücksichtigen, um das Ziel des Workshops, freies und eigenständiges Gestalten, zu erreichen.
Hierzu sind nach meinen Beobachtungen und Gesprächen insbesondere folgende Punkte wichtig:

 

  • Im ersten Teil des Workshops, das gilt mehr oder weniger für alle    Teilnehmer, steht das Kennenlernen des Materials im Mittelpunkt.
  • Teilnehmer, die danach noch nicht völlig frei nach eigenen Vorstellungen gestalten wollen, könnten vorgefertigte Formen (Model) mit Vertiefungen vorgesehen werden, die mit dem Material gefüllt werden, um es nach Härtung herauszulösen.
  • Nicht nur, aber insbesondere für blinde Teilnehmer, die ja auch jeden einzelnen Arbeitsschritt tastend kontrollieren müssen, ist bereits an dieser Stelle wichtig, dass jederzeit die Finger von Materialresten gereinigt werden können, um bei der Tastkontrolle nicht das Arbeitsergebnis ungewollt zu verändern.
  • Die eigenständige Gestaltung figürlicher Darstellungen mit diesem Material stellt vermutlich an blinde Teilnehmer die höchsten Anforderungen, da die Kontrolle der einzelnen Arbeitsschritte am schwierigsten ist. Hinzu kommt, dass im Vorfeld wenig oder gar nicht mit perspektivischen Zeichnungen gearbeitet werden kann, sondern Modelle angefertigt werden müssten.  Da ich erst einige Workshops durchgeführt habe, verfüge ich hier noch nicht über genügend Erfahrung.


Nach Abschluss der Konferenz in Moskau wurde ich gefragt, ob ich weitere  Workshops in Russland durchführen würde. Die Motivation der behinderten Teilnehmer meiner Workshops (es waren nicht nur Personen mit Seheinschränkung, sondern auch anderen Behinderungen) hat mich sehr beeindruckt.  Ich bin daher gern auf diesen Vorschlag eingegangen und bin gespannt auf meine Erfahrungen und Gespräche in den folgenden Workshops.
Für Vorschläge und Hinweise insbesondere aus dem Kreis der Betroffenen bin ich auf jeden Fall dankbar (E-Mail: rtweitweg@aol.com).
Horst W.  Müller